Denkbild

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Was ist ein Denkbild? Im Ausstellungskatalog Bucklicht Männlein und Engel der Geschichte. Walter Benjamin, Theoretiker der Moderne (1990) steht, „Denkbilder zu entwerfen“, sei Benjamins Arbeitsweise gewesen. Die Ausstellungsmacher wollen Benjamins Entwürfe mit der „Produktion von Bildräumen“ nachvollziehen und erklären: „Verräumlichung“ sei „latent schon in jenen Denkbildern vorhanden“. Denk- und Bildräume hätten gemein, „von Situationen auszugehen, diese jedoch in so komprimierter Form darzubieten, daß Horizonte aufscheinen, die diejenigen der Situation weit übersteigen.“

Ob es 1990 funktioniert hat, Benjamins Denkbilder räumlich auszubreiten, kann ich nicht sagen. Interessant an diesen Überlegungen ist aber, das Denkbilder visuell und räumlich funktionieren. Das heißt, sie befinden sich irgendwo im Bereich zwischen Text und Bild, Wort und Ding. Denn man kann ein Bild als räumliche Ausdehnung beschreiben und Sprache als seriell-zeitliche. Ein materieller Gegenstand wäre dann eine raum-zeitliche Ausdehnung. Wenn sich Sprache zum Konkreten, zum Gegenstand hinbewegen soll, muss dies eine Bewegung zum Bild sein; eine Bewegung, die wiederum zeitliche Kürze und somit Prägnanz verspricht.

Dieses Bestreben drückt sich in der Anfang des 19. Jahrhunderts aufkommenden literarischen Form des Denkbilds aus. Als Denkbild wurde eine Form der Kurzprosa beschrieben, die vor allem von Walter Benjamin, Siegfried Kracauer, Ernst Bloch und Theodor W. Adorno entwickelt worden ist. Grob gesagt geht es um den Versuch, komplexere Überlegungen, Theoreme, philosophische Gedankengänge in der Konkretheit von Anschauungen aufzuheben. Oder vielmehr: Sie auseinander hervorgehen zu lassen.

In diesem Sinn, unter dem Titel Denkbilder, hat Adorno Benjamins Anfang der dreißiger Jahre publizierte Städtebeschreibungen, Reiseberichte, Theoriefragmente, Reflexionsfetzen, Betrachtungen und Glossen später in der von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser herausgegebenen Benjamin-Ausgabe, den Gesammelten Schriften, zusammenfasst. (VI, 1, 305-438)*

* Alle Zitatangaben, die sich aus römischen und arabischen Ziffern in runden Klammern zusammensetzen, beziehen sich auf Benjamins Gesammelte Schriften. In diesem Fall wäre das also Band 4, erster Teilband, S. 305-438.

Abbildung: Berlin © Nikolai Preuschoff, 2002

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