The Pawnbroker (1964)

Gerade ist Berlinale. Auch Sidney Lumets The Pawnbroker ist ein Berlinale-Film, von 1964. Der Hauptdarsteller Rod Steiger gewann damals einen Silbernen Bären. Viele haben wahrscheinlich Lumets sehr guten Before the Devil Knows You’re Dead (2007) gesehen. The Pawnbroker ist 43 Jahre jünger, fand im englischsprachigen Raum kaum einen Verleih und ist heute ein obgleich herausragender, wohl weitgehend unbekannter Film.

The Pawnbroker (dt. Der Pfandleiher) basiert auf dem gleichnamigen Roman von Edward Lewis Wallant (1926-1962), der spät mit dem Schreiben begann und dann zu früh starb. Wallant wurde mit Autoren wie Saul Bellow und Phillip Roth verglichen. The Pawnbroker (1961) ist Wallants zweiter Roman und handelt von dem nach Amerika emigrierten KZ-Überlebenden Sol Nazerman, einem früheren Professor, der nun in Ost-Harlem ein Pfandleihgeschäft betreibt, um für die Familie seiner Schwester und die Witwe eines Freundes sowie dessen kranken Vater Mendel zu sorgen.

Aber mit dem spärlichen Besitz seiner Kunden, für den Nazerman täglich ein paar Dollar ausgibt, macht er kein Geld — vielmehr mit den regelmäßigen bar Lieferungen eines Harlemer Gangsterbosses, der den Laden zu Geldwäsche benutzt. Diese notgedrungen zweifelhafte Existenz und die wachsende Einsicht, Teil eines moralisch zweifelhaften Systems zu sein, machen Nazerman ebenso zu schaffen wie die alltägliche Gewalt der Großstadt, die in ihm die traumatisch verdrängten Schrecken des Lagers wieder hervorruft: die Verschleppung seiner Familie, den Tod seines Sohnes im überfüllten Wagon, den er ebenso ohnmächtig mitansehen musste wie die Vergewaltigung seiner Frau im Lager.

Die expliziten, Nazerman heimsuchenden Erinnerungsbilder schneidet Lumet manchmal nur für Sekundenbruchteile ein. Dann, wenn sie längere Szenen bilden (wie auch ab Mitte des obigen Ausschnitts), werfen sie zwar die Frage nach der Darstellbarkeit der Shoah auf, angesichts der Präsenz und Leistung Steigers jedoch treten diese zurück. Auf eine Weise überzeugend ist auch das äußerst bittere Ende des Films: Als der apathische Nazerman endlich an sich eine Gefühlsregung für seinen stets übermütigen (und obendrein dummen) Gehilfen Jesus Ortiz (Jaime Sánchez) entdecken kann, ist dieser bereits verloren, und Nazermans erneut mit seinem Leiden allein.

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