„We have Sebald“ — Will Selfs Sebald Lecture

Will Self, 2007Am British Centre for Literary Translation, das W. G. Sebald an der University of East Anglia mitbegründet hat, wurde ihm zu Ehren eine jährliche Sebald Lecture eingerichtet. Der britische Autor Will Self hielt sie zu Beginn des Jahres: Absent Jews and Invisible Executioners: W. G. Sebald and the Holocaust. Inzwischen ist dazu sowohl ein Bericht in der FAZ erschienen, als auch Selfs (redigierte) Rede selbst.

Self beginnt mit einer Parodie Woody Allens auf Albert Speers umwundene Rechtfertigungsversuche, die er für seine Erinnerungen schrieb — prominentes Beispiel der unaufrichtigen, eigennützigen deutschen Erinnerung.

I have been asked if I was aware of the moral implications of what I was doing. As I told the tribunal at Nuremberg, I did not know that Hitler was a Nazi. The truth was that for years I thought he worked for the phone company. When I did finally find out what a monster he was, it was too late to do anything as I had already made a down payment on some furniture.

Später fragt Self, ob Sebald sich erlaubt hätte, über diese Parodie zu lachen. Ich vermute schon. Ohne den lesenswerten,  eloquenten Vortrag hier zusammenfassen zu wollen — es ist schon erstaunlich, zu was für einer Repräsentationsfigur, was für einer Ikone des „guten Deutschen“ Sebald außerhalb Deutschlands geworden ist. Viele halten Sebald im akademischen Betrieb bereits jetzt ja für überforscht. Von einem „Hype“, „Boom“ usw. ist schnell die Rede, der wieder abklingen müsse, und erst dann könne sich der wahre Stellenwert Sebalds in der deutschen Nachkriegsliteratur herausstellen. Das ist alles nicht falsch.

Ich glaube allerdings, dass an Vorträgen wie Selfs — mag man auch diesen oder jenen Punkt für diskussionswürdig halten — sich jetzt bereits abzeichnet, warum Sebald in zehn, zwanzig, fünfzig Jahren eben nicht schon wieder von der Bildfläche verschwunden sein wird: Man hat einfach zu lange auf einen wie ihn gewartet. Einen deutschsprachigen, belesenen, methodisch reflektierten, so früh ausgewanderten, so gewollt undeutschen, kurz ‚englischen‘ Autor, der sich nicht nur, aber wesentlich, das düsterste Kapitel deutscher Geschichte zu Thema macht.

Self Vergleiche mögen etwas verkürzt daherkommen; nach der Verlogenheit Albert Speers kommt bald Bernhard Schlinks Vorleser (1995), der eher für den deutschen Leser verfasst und außerdem, so Self aus Sebald-Perspektive, zu handlungslastig ausgefallen sei. Jetzt aber, so Self, haben ‚wir‘ Sebald: „We have Sebald; whose elegant, elegiac and haunting prose narratives reinstate the prelapsarian German-speaking world“. Das heißt ungefähr: Endlich haben wir (Self hat eine us-amerikanisch-jüdische Mutter) einen Autor gefunden, mit dem wir uns wieder an der deutschen Sprache erfreuen können, so, wie es vor dem ‚Sündenfall‘ gewesen ist.

Das ist nicht gerade dünn aufgetragen. Dabei ist Sebald bestimmt nicht so perfekt, so der Heilige, wie es zunächst den Anschein hat. In England ist er z. B. eher zufällig gelandet (und hatte keine Ahnung, was ihn erwartet). Vor allem lässt sich über Teile seiner Prosa schon mal streiten, die Zusammenschau von Shoah und Naturzerstörung in den Ringen des Saturn etwa (wobei sich gewichtige Für- und Gegenargumente finden lassen — Self findet sie überzeugend). Und ist Austerlitz, dieser Roman, den Sebald nicht Roman nennen wollte, über die zerrissene Lebensgeschichte eines verschrobenen Muster-Intellektuellen, wirklich sein Meisterwerk? Oder sind es nicht doch die kleineren, halbfiktionalen Biografien der Ausgewanderten, mit denen er bekannt wurde?

Das alles scheint nicht so wichtig angesichts der Tatsache, dass Sebald mit den Ausgewanderten 1992 und den noch folgenden Prosa-Bänden für viele offensichtlich eine Lücke schloss, die in der deutschen Nachkriegsliteratur immer noch klaffte. Voilà.

Selfs letzter Satz ist dem in Sebald’scher Manier in den Vortrag hineinprojizierten Gemälde Gerhard Richters, Onkel Rudi, gewidmet:

And as Gerhard Richter’s fusion of slow oils and photographic quicksilver so perfectly expresses, on that denuded foreground, Onkel Rudi is always posing for the camera, smiling, in front of the slave labourers’ hecatomb.

Foto 1: Maggie Hannan, Foto 2: Gerhard Richter, Onkel Rudi, 1965

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