Benjamin-Mode

Die Mode schreibt das Ritual vor, nach dem der Fetisch der Ware verehrt sein will. (V, 1, 51)

Als ich gestern die Seite artintheage.com entdeckte, traf mich der Schlag: Es gibt sie wirklich, die Benjamin-Mode! Und sie kommt aus Philadelphia. Ich meine, die Idee ist ganz charmant. (Und eine dieser Krawatten hat mir gut gefallen.) Auf der anderen Seite, wie dreist ist es eigentlich, Produkte mit dem Titel einer von Benjamins kapitalismuskritischen Schriften zu bewerben. Und dann auch noch so teuer zu verkaufen. (Die Krawatte kostet 80$.) Überhaupt, aus Benjamins auf allem möglichen gedruckten Konterfei Profit schlagen zu wollen. Böse Fetischisierung der Ware.

Es lohnt sich, das Logo mal genauer anzusehen. Zunächst macht es einen cool-neo-kommunistischen Eindruck, überzogen mit der Patina geheimer Druckwerkstätten:

WB Merchandising Art in the Age

Dann aber entdeckt man merkwürdig eingemischte Freimaurer-Symbolik: das Auge unter dem Zirkel. Soll wohl für Benjamins Scharfsinn stehen. Derartiger Mythen-Mix ist in der Popkultur natürlich möglich und etabliert. Aber wollte sich Art in the Age davon nicht gerade abgrenzen? Wie sich der Laden selbst beschreibt, suggeriert jedenfalls, dass man anders sei, also nicht zum Alles-ist-erlaubt der durchkommerzialisierten Popkultur gehöre. Man sei, ist da zu lesen,

a vehicle through which modern thinkers marry reverence for enlightened ideals with the mandate to reach more minds in an ever-fickle urban scene. […] Our community of free thinkers and artistic innovators delivers inspiration and aspiration back to the People.

All diesen Idealismus, „Enlightened ideals“ der „Community of free thinkers“ bekommt der zahlende Kunde. Im Shop kann man Tragetaschen mit Benjamins Konterfei kaufen, die mit Sätzen beworben werden wie: „Meet Walter Benjamin, the prolific 20th century German cultural theorist who started it all with his critical essay of 1936.“

WB Tasche

Verstanden habe ich noch nicht, ob sich das „started it all“ nun darauf bezieht, Kunst trotz technischer Reproduktion herzustellen, oder, im Gegenteil, darauf, einfach fröhlich technisch reproduzierbare Kunst zu verkaufen? Benjamins Kopf jedenfalls muss buchstäblich gleich für mehrere T-Shirts hinhalten, wie z. B. dieses (s. u.), auf dem er dann wohl, per geschickter Platzierung, gleich zum doppelten Blickfang werden soll:

WB TshirtWas hätte Benjamin dazu gesagt? Die Antwort, „sicher hätte es ihm gefallen“, ist wohl eher ein Herren-Witz. Auch wenn in Benjamins ‚Metaphysik der Mode‘ „die Frau die Hauptrolle“ spielt (Susan Buck-Morss, Dialektik des Sehens, S.129) — und: Hauptrolle in der Kritik.

Mit einer witzigen Unternehmens-Philosophie hätte man diesen Widerspruch vielleicht geschickt-dialektisierend überspielen können. Man hätte z.B. darauf hinweisen können, dass Benjamin den wechselnden Moden eine interessante Seite abgewinnen konnte: Gerade weil Mode das „Ritual“ vorschreibt, „nach dem der Fetisch Ware verehrt sein will“, wird sie zum potentiellen Lieferant „außerordentlicher Antizipation“. Denn, so notiert Benjamin im Passagen-Projekt, „es ist ja bekannt, daß die Kunst vielfach, in Bildern etwa, der wahrnehmbaren Wirklichkeit um Jahre vorausgreift.“ Und er fügt (mit etwas Mut zur Übertreibung) hinzu:

Jede Saison bringt in ihren neuesten Kreationen irgendwelche geheimen Flaggensignale der kommenden Dinge. Wer sie zu lesen verstünde, der wüßte im voraus nicht nur um neue Strömungen der Kunst, sondern um neue Gesetzbücher, Kriege und Revolutionen. (V, 1, 112)

Damit nun hätte man sich als junges Start-Up-Unternehmen doch geschickt in Szene setzen können. Gerade die Unternehmens-Philosophie geht den Art-in-the-Age-Leuten allerdings voll unbenjaminianisch in die Hose:

Art In The Age of Mechanical Reproduction firmly believes in empowering artists producing high quality work marked by fine craft and intellectual rigor. […] In this troubling epoch of industrial commodification, standardization of reproduction, and fomentation of a society of shallow spectacle, Art In The Age issues a challenge and rally cry.

Handwerkskunst plus Gejammer über die schweren Zeiten? Wir Künstler sind lieb und bunt und lustig, wozu brauchen wir dann noch die Revolution? Wo bleibt da der selbstproklamierte „intellectual rigor“? Hm, diese Leute sollten vielleicht mal in die Bücher gucken, die sie in ihrem Shop anbieten (Walter Benjamin: Selected Writings, Vol. I-IV, On Hashish und Arcades Project).

Abbildungen: artintheage.com

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3 Kommentare

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  • Von This am 13. September 2018 um 12:15 Uhr veröffentlicht

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  • Von discuss am 13. September 2018 um 13:23 Uhr veröffentlicht

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