Die Ruinen von Detroit

Michigan Central Station

Was für Benjamins 19. Jahrhundert Paris und die Passagen waren, ist für das 20. vielleicht Detroit. Keine andere Stadt ist so fehlgeplant worden, dass sie nun als „Frühgeburt“, ähnlich der frühen Glas- und Eisenarchitektur, den historischen Blick kaltlässt. Angelegt als Multi-Millionen-Metropole für Autofahrer und Auto-Industrie, hat sich die Einwohnerzahl von knapp zwei Millionen in den Fünfziger Jahren bis heute mehr als halbiert; im Stadtbild dominieren gigantische Brach- und Ruinenflächen. Von den alten Visionen bleiben verfallene Fabrikhallen und Einfamilienhäuser, zu breite, brüchige Straßen, zugewachsene Autobahn-Rampen, ein nutzloses öffentliches Verkehrssystem — und die Suburbs, das sogenannte Metro-Detroit, in die sich die überwiegend weiße Mittelschicht vor Jahrzehnten zurückgezogen hat. Kaum eine Stadt, die vormals solche Hoffnungen auf sich zog und den Aufbruch der industriellen Massenproduktion verkörpert, ist heute so zur Ikone eines gescheiterten Entwurfs geworden. Und keine Stadt zeigt derzeit mehr, dass im Verfall Schönheit liegen kann; aber nicht bloß ästhetische Schönheit, sondern auch die Schönheit eines Erkenntnispotentials, das in ihren Ruinen liegt: in ihnen „hat sinnlich die Geschichte in den Schauplatz sich verzogen“. (I, 1, 353) Detroit ist ein Trümmerfeld des Zwanzigsten Jahrhunderts.

Wer in Detroit lebt, hat natürlich alles Recht, das anders zu sehen. Überhaupt signalisiert das Motiv der Ruine nicht nur Vergänglichkeit, Historizität und Tod, sondern es bietet – das legt auch Benjamin nahe – ebenso eine Fläche für Projektionen. Eben weil die Ruine ihre ursprüngliche Bedeutung eingebüsst hat, erhöht sich ihr semantisches Potential, die Bedeutungszuschreibungen selbst aber bleiben schwankend, ambivalent und amorph. (Vgl. die Einleitung der Herausgeber Julia Hell und Andreas Schönle: Ruins of Modernity, Durham, London 2010)

Zu einer Kritik des derzeit florierenden „Ruin Porn“ vgl. John Patrick Learys sehr guten Essay „Detroitism. What does “ruin porn” tell us about the motor city, ourselves, other American cities?“ sowie Eli Rosenbergs Kompilation
„Motown or Ghostown? Ruin Porn in Detroit“

Fotos: Nikolai Jan 2011

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Ein Kommentar

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