Beaches

Huntington Beach, CA

Ocean Beach, San Francisco, CA

Coast line near the Cliff House, San Francisco
„Jedes Jahr im späten September“, schreibt Greg Dening,

kann ich, wenn ich Glück habe, von meinem Schreibtisch aus über die Wipfel der Eukalyptusbäume hinweg auf das Meer und die felsige Küstenlinie blicken, und ich sehe wie dort in  einer langen schwarzen Prozession für mehrere Stunden Vögel vorbeifliegen, die sich südwärts ihren Weg um Landzungen herum und durch Buchten hindurch nach Süden bahnen. *)

Dening war ein australischer Historiker, der erst vor zwei Jahren starb. In seinem Essay Performing on the Beaches of the Mind beschreibt er den Strand — wie er ihn erlebt, was er den Menschen Ozeaniens bedeutet; er beschreibt ihn als historischen Ort und benutzt ihn zugleich als Denkbild historischer Darstellung. Der Strand als Passage. Aber nicht einfach im Sinne einer (anderen) Metapher für einen Grenz- oder Schwellenort, sondern als ein ‚Ort‘ von historischer und politischer Bedeutung, der in postkolonialer Zeit Aufmerksamkeit verdient.

Der Beach gehört zu den magischen, idyllischen, exotischen Bild des Südens. Aufgeladen mit der Idee/Utopie einer von sozialen Hierarchien und gesellschaftlichen Zwängen befreiten und befreienden Landschaft. Der Strand ist Ort des Aufeinandertreffens, von Meer und Land, von Landbewohnern und seereisenden ‚Entdeckern‘, also Ort der Differenz, der Begegnung mit ‚dem‘ Anderen. Ort des Austauschs von Sprachfetzen, Lebensmitteln, Waren und Gastgeschenken, des Austauschs aber genauso von Krankheiten, Agression und Gewalt. Denn, das ist Denings Punkt, und die Ethik des Beaches, der Strand hält immer beide Perspektiven bereit: die des Blicks vom Meer auf das Land und die vom Land auf das Meer. Eine Geschichte lässt sich immer von dieser oder jener Seite des Strandes aus erzählen.

An der Heimkehr der Vögel, dem Zug der Yolla, der Sturmtaucher, die sich wie ein einziger Körper bewegen, skizziert Dening, was er auch für den Strand als Perspektiv eines historiografischen Ansatzes geltend macht: „Sie [die Sturmtaucher] haben Zeit und Raum in ihre Körper eingeprägt. Sie können Zeichen deuten, die sie nie zuvor gesehen haben, was weder ich Ihnen noch die Wissenschaft uns allen erklären kann.“ *) Die Yolla wurden 1770 bereits von James Cook, Kapitän der Endeavour, erwähnt. Für die Ozeanier, die Maohi von Tahiti, den Enata von den Marquesas und den Kamaiana von Hawaii ist der Strand ein spiritueller, spannungsgeladener Ort, ein Ort der Rituale, der Transformation und des Übergangs, an dem ‚Dinge‚ geschehen können. Wie der Strand zwei Elemente, gewissermaßen zwei Identitäten vereinigt, unterscheiden auch die Tahitianer in sich selbst Anteile des eigenen (enata) und des Fremden (haoe).

Was Benjamin der Lumpensammler ist, ist Dening der Beachcomber, der Strandläufer. Eine zwielichtige Gestalt. Mehrere hundert von ihnen bevölkerten zur Zeit der Entdeckungsreisen die Strände. Sie hatten ihre Schiffe verlassen oder waren ausgesetzt worden und hatten den Strand überquert. Ein Teil von ihnen ging auf die Meuterei auf der Bounty zurück. Die Augen der Strandläufer, schreibt Dening, sahen mehr als andere. Deshalb ist ihr Blick, sind ihre Berichte für den Historiker mehr als interessant; sie sind ein Ideal, von der ‚anderen Seite des Strandes‘ her geschrieben.

Auch W. G. Sebald war so ein Strandläufer. In den Ringen des Saturn folgt der Leser einem Wanderer durch die südostenglische Landschaft, entlang der Küste von Lowestoft. Aber dazu ein andermal mehr.

*) Greg Dening: Performing on the Beaches of the Mind (History and Theory, 2002); Übersetzungen von mir.

Foto 1: Cobber99
Foto 2: shandopics
Foto 3: freeparking

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Ein Kommentar

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