Frische Feigen


Man macht sich heute ja nicht mehr klar, wie das früher so ohne Kühlschrank zuging. Für ein paar Früchte z.B. musste man gleich in den Süden reisen. Kein Wunder, dass den Reisenden schon im Vorfeld der Mund ganz schlabbrig wurde, und sie den Geschmack von Zitrusfrüchten und frischen Feigen mannigfaltig antizipierten. Wie es wohl sein mochte, in so ein saftiges Ding hineinzubeißen? Liest man in alten Reisejournalen, bei Goethe, Seume (hier) oder Moritz (hier), kann man sich schon wundern, so voll ist alles voller Zitronen-, Feigen- und (den heute nicht mehr unter diesem Namen bekannten) Ölbäumen. Außerdem werden die Früchte selten nur erwähnt, meist begleitet sie ein ihre Einzigartigkeit hervorhebendes Adjektiv wie „äusserst wohlschmeckend“. Oder es ist gleich im Superlativ von den „herrlichsten Feigen und andre[n] edle[n] Früchte[n]“ die Rede (Moritz). Genauso bei den Feigenbäumen: Sie stehen üblicherweise in „Feigengärten“ (Seume) oder sind natürlich „weitumschattend“ (Moritz).

Benjamin hat dieser frühen deutschen ‚Toskana-Fraktion‘ noch einmal nachgeeifert. Aber er ist nicht nur nach Italien gereist, sondern hat Goethe und Co. in ihrer Gier nach frischen Früchten noch übertroffen. 1930 ist von Benjamin eine kleine Reihe von Reiseeindrücken zum Thema „Essen“ in der Frankfurter Zeitung erschienen, und eins davon handelt von Frischen Feigen. Es beginnt so:

Der hat noch niemals eine Speise erfahren, nie eine Speise durchgemacht, der immer Maß mit ihr hielt. So lernt man allenfalls den Genuß an ihr, nie aber die Gier nach ihr kennen, den Abweg von der ebenen Straße des Appetits, der in den Urwald des Fraßes führt. Im Fraße nämlich kommen die beiden zusammen: die Maßlosigkeit des Verlangens und die Gleichförmigkeit dessen, woran es sich stillt. Fressen, das meint vor allem: Eines, mit Stumpf und Stiel. Kein Zweifel, dass es tiefer ins Vertilgte hineinlangt als der Genuß. So wenn man in die Mortadella hineinbeißt wie in ein Brot, in die Melone sich hineinwühlt wie in ein Kissen, Kavier aus knisterndem Papier schleckt und über eine Kugel von Edamer Käse alles, was sonst auf Erden eßbar ist, einfach vergißt. (IV, 1, 374)

Benjamin, der sich hier „Globetrotter“ nennt, stapft mit einem Arm voll Feigen die Landstraße hinunter, unfähig, auch nur eine einzige zurückzulassen. Als Ausweg bleibt nur die reinste Feigen-Orgie, ein sinnlicher Akt mit Feigen, beschrieben wie ein heißer Feigen-Porno:

Ich konnte jetzt mit dem Essen nicht aufhören, mußte versuchen, so schnell wie möglich der Masse von drallen Früchten, die mich befallen hatten, mich zu erwehren. Aber das war kein Essen mehr, eher ein Bad, so drang das harzige Aroma durch meine Sachen, so haftete es an meinen Händen, so schwängerte es die Luft, durch die ich meine Last vor mich hintrug. Und dann kam die Paßhöhe des Geschmacks, auf der, wenn Überdruß und Ekel, die letzten Kehren, bezwungen sind, der Ausblick in eine ungeahnte Gaumenlandschaft sich öffnete: eine fade, schwellenlose, grünliche Flut der Gier, die von nichts mehr weiß als vom strähnigen, faserigen Wogen des offenen Fruchtfleisches, die restlose Verwandlung von Genuß in Gewohnheit, von Gewohnheit in Laster. Haß gegen diese Feigen stieg in mir auf, ich hatte es eilig aufzuräumen, frei zu werden, all dies Strotzende, Platzende von mir abzutun, ich aß, um es zu vernichten. Der Biß hatte seinen ältesten Willen wiedergefunden. (IV, 1, 374f.)

Kleines Postskriptum: Der Schluss gefällt mir ganz besonders, wobei es nicht ganz genau der Schluss ist. Benjamin hat in diesem Feuilleton die Feigen- tatsächlich geschickt mit einer Liebes-Episode verstrickt; es geht um einen Brief, der am Ende, wie die Feigen, „der großen Reinigung zum Opfer fallen“ muss. Gut übrigens auch, dass ich hier endlich mal den Begriff „Porno“ verwendet habe. Der kommt im Internet, wie man weiß, ja immer gut an und wird mir hoffentlich ein paar neue, aufgeweckte Leser bescheren.

Foto 1 (Feigen): gregoirevdb
Foto 2 (Buchseite): nikolaijan

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2 Kommentare

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